Raum
der Besinnung
Herbert rückte seinen Stuhl so zurecht, daß er der Türöffnung
gegenübersaß, und blickte in den immer heller werdenden
Neben-raum. Ihm kam es vor, als würden sich die Umrisse
des Durch-ganges so zu einer Harmonie verschieben, daß
ein Rahmen für den dahinterliegenden Teil des Raumes
entstand. Das Licht hatte jetzt einen bläulichen Stich
angenommen und erschien ihm als Himmel. Mitten im Zimmer
bemerkte er ein Objekt, ähnlich den Sujets seiner
Bilder. Noch war es als Landschaftsfragment im diffusen
Licht schwer zu erkennen, doch er zweifelte nicht an
seinem Vorhandensein. Natürlich konnte das alles auch
nur Einbildung sein, aber irgendwie fühlte er, daß dem
nicht so war. Herbert konnte sich nicht erklären,
wie dieses Gebilde dahin gekommen war. So stellte er
sich die Frage, ob er es vielleicht gewesen sein könnte,
der dem von ihm Gedachten Form verliehen hatte.
Während ihm diese Gedanken durch den Kopf gingen, gewann
das Gebilde immer mehr an Kontur. Um Gewißheit über
das Objekt zu erlangen, versuchte Herbert es mit seiner
Vorstellungskraft zu verändern. Tatsächlich gelang ihm
dies, aber gleich darauf packte ihn wieder Zweifel,
denn auch diesem Vorgang konnte eine Selbst- täuschung
zugrunde liegen. Umgekehrt wäre es einfacher gewesen.
Denn hätte sich nichts verändert, so wäre es klar gewesen,
daß dort ein Objekt lag, auf das er keinen Einfluß hatte.
So war es aber entweder ein Trugbild seiner Sinne oder
doch ein veränderbares, körperhaftes Produkt seiner
Schaffenskraft.
Noch wagte er es nicht, den Sachverhalt zu überprüfen.
Außerdem war er viel zu begierig darauf, die Auswirkungen
seiner Gedanken- spiele auf das Objekt zu beobachten.
Er versuchte Verschiedenes, und immer folgte die Form
seinen geistigen Befehlen. Mit der Zeit spürte Herbert,
daß er die Veränderungen, die er mit der Kraft
seiner Vorstellung an dem Gebilde ausführte, zugleich
an seinem Körper wahrnahm. Er glaubte plötzlich, selbst
wie Fels, Hügel oder Baum zu fühlen. Zuallererst erschrak
er über diese Tatsache, doch als er an sich hinunterblickte
und feststellte, daß er noch immer aussah wie früher,
kehrte wieder Ruhe in ihn ein, so daß er sein Experiment
fortsetzte. Immer mehr gelang es ihm, wie Landschaft
zu fühlen, und als er meinte, die Situation zu beherrschen,
stand er auf, um das Gebilde aus der Nähe zu betrachten.