Die
Spur der Erinnerung
Erleichterung machte sich in Herbert Krug breit, nachdem
er die Tür geschlossen hatte. Sicher, sie stellte einen
gewissen Schutz vor dem Draußen dar, doch gleichzeitig erkannte
er, daß es dessen gar nicht bedurft hätte. In ihm war der
Wechsel jetzt voll-zogen; aus sich selbst mußte er in Zukunft
alles schöpfen können. Diese Tatsache wurde ihm mit einem
Schlag bewußt, und sie erfüllte ihn mit Neugier. Er kam
sich vor, wie sein eigener, nur wissenschaftlich interessierter
Beobachter, der weniger dem Inhalt seines Denkens die Aufmerksamkeit
zu widmen haben wird, sondern seinen Handlungen, die nunmehr
erfolgen würden.
Herbert merkte, daß ihn die Beschäftigung mit dieser Entwicklung
zu überfordern drohte. Deshalb zwang er sich dazu, den Gedankengang
abzubrechen und ins Wohnzimmer zu gehen. Dort setzte er
sich zuerst einmal. Sein Blick fiel sogleich auf sein letztes
Werk, das noch nicht ganz fertig war und der Vollendung
harrte. In seiner Vorstellung probierte er dieses und jenes,
um die Arbeit fortzusetzen, doch die Erinnerung daran, wie
alles begonnen hatte, machte diese Absicht zunichte.
Beruflich hatte es Herbert schon vor einiger Zeit zum Assistenten
gebracht und somit jene Stufe erreicht, die seinem Wissen
und seinem Alter entsprach. Ein weiterer Aufstieg schien
ihm aller-dings sehr fraglich, und er scheute auch die damit
auf ihn zu-kommenden Anstrengungen. Deshalb erfüllte er
die an ihn heran-getragenen Aufgaben mit einer Mischung
aus Routine und Aus-dauer, wie sie alle von Herbert erwarteten,
die ihn kannten. Es
war nicht so, daß ihn die Arbeit nicht interessiert hätte,
doch er verringerte schrittweise ihren Stellenwert in seinem
Leben. In dieser Zeit hatte
Herbert begonnen zu malen. Anfangs war es lediglich Ausgleich
und Zeitvertreib, doch schon nach wenigen Wochen merkte
er, welche Bedeutung dieses Tun für ihn erhielt.
Er beschloß, seine Bilder keinem anderen zu zeigen. Vor
allem scheute er die Offenlegung seiner Gefühle; er wollte
aber auch niemanden als Schmarotzer an seinem Werk teilhaben
lassen.
Mit großer Freude betrachtete er seine Bilder, die auch
in ihrem Nebeneinander Harmonie ausstrahlten. Dabei geschah
es, daß Herberts Blick schließlich an dem Durchgang zum
Nebenraum hängenblieb. Darin hatte sich ein seltsames, diffuses
Licht ausgebreitet, von dem er vorerst nicht sagen konnte,
woher es kam und was es bedeuten
sollte. |
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Die Spur
der Erinnerung Farbrad. 1985 24,5
x 31,4 cm
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