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70er
Jahre


Der letzte Ausblick

Herbert Krug verließ das Büro gegen fünf Uhr nachmittags. Er merkte, daß sein Unbehagen heute wieder zugenommen hatte.
In den letzten Wochen war er immer schlechter zurechtgekom-men; er konnte jedoch nicht sagen, ob es an ihm selbst lag oder ob sich alles andere verändert hatte. Jedenfalls gab es kaum
mehr irgendeine Form von Harmonie zwischen ihm und dem,
was er Außenwelt nannte. Dies erfüllte ihn mit Unruhe, während
er auf dem Heimweg war.
Vor seiner Wohnungstür hielt er einen Augenblick inne, dann öff-nete er sie, betrat den Vorraum und merkte den Anflug von Wohl-behagen, der in ihn einkehrte. Hier hatte er sich seine Welt ge-schaffen, und jedes Stück davon barg - nur für ihn sichtbar - eine Erinnerung oder eine Sehnsucht. Besonders mochte er seine Bilder, die er im Laufe der letzten Monate gemalt hatte. In ihnen offenbarte sich für ihn das, was er Sehnsucht durch Erinnerung nannte. Das Andenken an Ereignisse, die ihn angenehm berührt hatten, war Anlaß für seine Hoffnung auf ein Nochmals und den Wunsch nach einer Steigerung. Beim Betrachten seiner Bilder      glitt er in die Welt dieses Sehnens, und jedesmal war ihm die Rückkehr von dort schwerer gefallen.
Plötzlich wußte Herbert, daß es dieses bedrückende Hin und
Her zu beenden galt. Schon seit langem hatte sich jener Punkt der Entwicklung angekündigt, und ihm wurde klar, daß er bereits ge- nau wußte, was zu tun war. Trotzdem traf ihn die Tatsache, daß es gerade jetzt soweit war, unerwartet. Zwar erfüllte ihn die gleichsam aufgedrängte Notwendigkeit zum Handeln vorerst mit Unmut, aber bald erschien ihm die Bereitschaft dazu wichtiger als die Überle- gungen darüber, wie frei er bei seiner Entscheidung war.
Er dachte an das, was er draußen noch nicht geregelt hatte. Doch im gleichen Augenblick erkannte er die Bedeutungslosigkeit dieses Umstandes. Es stand für ihn fest, daß er die Wohnung nicht mehr verlassen würde.
Nachdem Herbert nun in Gedanken das Vorfeld zu seinem Handeln bereitet hatte, drehte er sich um und warf einen langen Blick - gleichsam als letzte Kontrolle für die Richtigkeit seines Tuns - nach draußen. Dann drückte er die Wohnungstür ins Schloß; sie zu versperren, hielt er nicht für notwendig.
  

Der letzte Ausblick     Farbrad. 1985     24,5 x 31,4 cm

80er
Jahre

90er
Jahre

ab
2000
Abstrakte Bilder
die grafischen Zyklen