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Der
letzte Ausblick
Herbert Krug verließ das Büro gegen fünf Uhr nachmittags.
Er merkte, daß sein Unbehagen heute wieder zugenommen
hatte.
In den letzten Wochen war er immer schlechter zurechtgekom-men;
er konnte jedoch nicht sagen, ob es an ihm selbst lag
oder ob sich alles andere verändert hatte. Jedenfalls
gab es kaum
mehr irgendeine Form von Harmonie zwischen ihm und dem,
was er Außenwelt nannte. Dies erfüllte ihn mit Unruhe,
während
er auf dem Heimweg war.
Vor seiner Wohnungstür hielt er einen Augenblick inne,
dann öff-nete er sie, betrat den Vorraum und merkte den
Anflug von Wohl-behagen, der in ihn einkehrte. Hier hatte
er sich seine Welt ge-schaffen, und jedes Stück davon
barg - nur für ihn sichtbar - eine Erinnerung oder eine
Sehnsucht. Besonders mochte er seine Bilder, die er im
Laufe der letzten Monate gemalt hatte. In ihnen offenbarte
sich für ihn das, was er Sehnsucht durch Erinnerung nannte.
Das Andenken an Ereignisse, die ihn angenehm berührt hatten,
war Anlaß für seine Hoffnung auf ein Nochmals und den
Wunsch nach einer Steigerung. Beim Betrachten seiner Bilder
glitt er in die Welt dieses Sehnens, und jedesmal war
ihm die Rückkehr von dort schwerer gefallen.
Plötzlich wußte Herbert, daß es dieses bedrückende Hin
und
Her zu beenden galt. Schon seit langem hatte sich jener
Punkt der Entwicklung angekündigt, und ihm wurde klar,
daß er bereits ge- nau wußte, was zu tun war. Trotzdem
traf ihn die Tatsache, daß es gerade jetzt soweit war,
unerwartet. Zwar erfüllte ihn die gleichsam aufgedrängte
Notwendigkeit zum Handeln vorerst mit Unmut, aber bald
erschien ihm die Bereitschaft dazu wichtiger als die Überle-
gungen darüber, wie frei er bei seiner Entscheidung war.
Er dachte an das, was er draußen noch nicht geregelt hatte.
Doch im gleichen Augenblick erkannte er die Bedeutungslosigkeit
dieses Umstandes. Es stand für ihn fest, daß er die Wohnung
nicht mehr verlassen würde.
Nachdem Herbert nun in Gedanken das Vorfeld zu seinem
Handeln bereitet hatte, drehte er sich um und warf einen
langen Blick - gleichsam als letzte Kontrolle für die
Richtigkeit seines Tuns - nach draußen. Dann drückte er
die Wohnungstür ins Schloß; sie zu versperren, hielt er
nicht für notwendig.
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